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Angriff auf die Netzneutralität oder doch nur populistisches Getöse?

Manchmal ist die Welt der Netzpolitik auch für mich sonderbar. Da werden vermeintlich logische Schlussfolgerungen als Anfang eines Horrorszenarios dargestellt. Doch manchmal steckt der Teufel im Detail.

Wie jetzt mit dem Aufschrei über die Aussage von Rene Obermann, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom, große Service-Anbieter wie Google und Apple für ihren riesigen Datentraffic zur Kasse zu bitten.

Was ist daran schlimm? Mal ehrlich: wenn ich als kleiner Telekom-Kunde jeden Monat eine Menge Geld für meine schnelle Internetverbindung zahlen soll, aber ein großer Service-Anbieter, der mit seinem Traffic auch noch Geld verdient, wird verschont sich an den Kosten der guten deutschen Internet-Infrastruktur zu beteiligen, dann find ich das merkwürdig, ja ungerecht.

Beispiel.

Wenn ich mir bei einem Internetprovider ein Internetpaktet kaufe um damit meine persönliche Internetseite der weltweiten Gemeinde zu präsentieren, dann bezahle ich schon jetzt, je nach Provider, entsprechend für den Traffic, den meine Internetseite produziert bzw. ich habe ein bestimmtes Limit bis wohin mein Traffic inklusive ist. Und warum?

Man stelle sich vor eine große Community wie Facebook und mein kleiner Internetblog sind im selbern Rechenzentrum gehostet. Wir beiden zahlten den gleichen Preis für Traffic, wenngleich mein Traffic nur 0,000000…1 % des Gesamt-Traffics ausmacht. Wäre das nicht ungerecht?

Ein anderes Beispiel rein technisch.

Jeder wird schon mal bemerkt haben, dass eine 16.000 DSL-Anschluss in einem Gebiet mit wenig DSL-Anschlüssen schneller ist, als in einem Gebiet mit vielen Anschlüssen. Warum nur? Ganz klar, weil sich mehrere Leute eine Leitung teilen. Die Lösung wäre ja der Ausbau der Infrastruktur, um den Gesamttraffic zu schultern und allen wieder ihre 16.000 kBit/s zur Verfügung zu stellen, die sie bezahlt haben. Und genau für diese zusätzliche Infrastruktur, die die Telekom für solche Dienste wie Google, Apple oder Facebook braucht sollen diese sich nun auch an den Kosten beteiligen.

Mal ehrlich, was ist daran ungerecht? :-D

Robert Willemelis

17 Kommentare

  • Pascal sagt:

    Das Problem an diesem Vorschlag ist der Umkehrschluss, der aus unternehmerischer Perspektive konsequent, gesellschaftlich aber problematisch ist:
    Wenn Inhalte-Anbieter wie Facebook oder Google für ihren Traffic zur Kasse gebeten werden, dann werden diese für sich daraus auch den Anspruch ableiten, dass ihre Datenpakte priorisiert verarbeitet werden. Dann würde aber die Netzneutralität zugunsten kommerzieller Interessen aufgekündigigt.

  • Wilfried Hölzer sagt:

    Hallo Robert aus Berlin,

    … machst Du da, obwohl IT-Profi, nicht in Deiner Argumentation / Deinen Beispiel ein “Gedankenfehler” ?
    Auch facebook wird einen Provider (Internet-Zugangs-Knoten) haben und da nicht z. B. eine Art flatrate wie bei Strato, 1X1, T-Online etc. etc. zahlen – oder?

    Ansonsten unterstütze ich Deine Argumente bzw. Forderungen bzgl. Ausbau Internet/DSL-Infrastrukturausbau. Leider sind hier in Hofheim (Du kennst ja diese wunderschöne Stadt) auch einige Ortsteile mit very-slow-connect … -;((((

    Noch eine andere Sache: Was hälst Du von der Forderung, dass bei öffentlichen Einrichtungen (… wie wohl in USA) es eine free-wlan-Möglichkeit gibt?

    Viele Grüße aus Hofheim a. Ts. (die Stadt mit dem Nachhaltikeits-Index), Wilfried

  • Siegfried Schlosser sagt:

    mhmm naja – was ist denn das Geschäft eines Providers?

    Er sorgt dafür, daß sein Kunde (= Du, ich,…) Zugang zum Internet hat und alle vom Kunden angeforderten Daten – sofern verfügbar – auf dessen heimischen PC landen.

    Dabei sollte und _muss_ es für den Provider egal sein, welche Daten da transportiert werden, von wo die kommen, und wer sie ursprünglich fabriziert hat (gesetzliche Einschränkungen mal ausgenommen)

    Mit Google oder Facebook oder sonst einem Inhalteanbieter hat der Provider _keine_ Geschäftsbeziehung in Bezug auf die Daten, die die Kunden des Providers über ihn beziehen.

    “Das Netz” – also alle Leitungen, Hubs, Switches, Backbones usw. – gehört m.M.n. zur Daseinsvorsorge heutzutage. Eine wie auch immer begründete Diskriminierung darf es nicht geben.

    Die provider brauchen zusätzliche Infrastruktur nicht für die Dienste von Google, Apple und Facebook. Sie brauchen zusätzliche Infrastruktur, um ihre Kunden mit den gewünschten Daten zu versorgen.

    Wenn das mit den Erlösen nicht bezahlbar ist, müssen halt die Preise angepaßt werden…

    ich kann Obermann natürlich verstehen. Bei Google & Co. abzukassieren, wäre ein schönes Zusatzgeschäft…

  • Robert Willemelis sagt:

    ähm Siegfried, du weißt aber schon, dass google damit Geld macht, dass es “schnelle” Suchergebnisse liefert?

    Und warum müssen die Kunden auch noch für googles Traffic draufzahlen? Nach Deiner Argumentation dürften/müssten Kunden eigentlich auch nicht für ihren Internetanschluss zahlen und die Telekom wäre nur ein ausführender Samariter …

    Zudem ist Google u.ä. NATÜRLICH in indirekten Geschäftsbeziehunge über Drittanbieter oder hat Google seine Rechenzentren an sein eigenes Internet angeschlossen?

    Der Unterschied zur Original-Netzneutralitätsdebatte in den USA ist hier nämlich, dass nicht jemand wie Google sich mehr Bandbreite erkaufen kann, quasi Kontingente zum Nachteil anderer, sondern er muss für seine Netzverstopfung draufzahlen, ungefähr so wie CO2 intensive Industrien!!!

  • Wolfgang Pietsch sagt:

    Zum Stichwort Netzverstopfung fallen mir aber weniger die Suchmaschinenbetreiber, denn mehr die mit blinkenden Flash-Animationen nervenden Ad-Server ein. Wobei jetzt gar nicht die Netzwerbung an sich in Frage gestellt werden soll, sondern das oft ultrakrasse Missverhältnis von “Nutzdatenmenge” einer Webseite zur Werbung, letztere für den weit überwiegenden Teil der Nutzer nur Datenmüll ist, für die Betreiber offenbar unvermeidlich. Angemessene Kostenbeteiligung der echten Netzverstopfer a la doubleclick.net wäre gerechter als Google, Facebook, Yahoo und Co. zu belangen, deren kostenloser Output ja einen annehmbaren Nutzen bringt. Eine Selbstbeschränkung im Aufwand von Werbung a la Google-Ads (Beispiel) schont das Netz und wird wohl auch vom werberesistenten Nutzer als weniger aufdringlich empfunden. Krasses Gegenbeispiel: Bild-Online, mir fiel mal auf, eine 5 Zeilen Textmeldung wurde mit ca. 250 Image-Dateien “geschmückt”. Nach ca. 60 Sekunden stand endlich “Done” unten links. Für so etwas Leistungsschutzrechte zu bezahlen entzieht sich ebenfalls meiner Verständniskraft. Derartig wildernde Anbieter und Werber sollten sich auch nicht über Ad-Blocker aufregen, diese tragen zur Netzhygiene bei. Leider noch bei eher “Sophisticated Users”.

  • Robert Willemelis sagt:

    @Pascal: warum zahle ich und die energieintensive Aluminiumhütte unterschiedliche Engergiepreise? Weil ich weniger verbrauche … mein Strom wird deshalb doch nicht weniger priorisiert. Und wenn die meinen eine Anspruch daraus erheben zu müssen, dann obliegt das der Telekom denen einen *Piepmatz* zu zeigen … ;-)
    Zudem ist das wieder eine dieser Horrorszenarios, aber nicht jedes Horroszenario tritt ein!

  • Robert Willemelis sagt:

    @Wolle: bilder sind kein Maßstab für Datentraffic. google und Facebook tauschen ständig über Javascript, Ajax etc. zeitaktuelle informationen aus und das jede SEKUNDE und google ads ist auf so vielen seiten vertreten, da können andere werbefirmen nur träumen von … von diesem traffic :-)

  • Und wenn die Post davon hört, werd ich wohl demnächst auch noch für die Rechnungen bezahlen müssen, die man mir zustellt…

    Im Ernst: Das Internet ist eben eine Vebrindng von veschiedneen Netzen. Wenn da immer mehr Einheiten hingehen und sagen: Aber mein Netz steht offen, dann hat man bald wieder (annähernd) monolithische Netze, von inter kann dann nur noch eingeschränkt die Rede sein…

  • Siegfried Schlosser sagt:

    vielleicht sollte die SPD mal bei der SPD lesen:

    http://www.spd-netzpolitik.de/definition-von-netzneutralitaet/307/

    :-)

  • sofias. sagt:

    die netzneutralität ist zu wichtig um es dem staat zu überlassen… sieht ma doch an den kartellgesetzen das das nicht klappt. (oder naja, wo der staat halt so wuchert)

    apropos kartell, achja telekom:
    die sind nämlich nicht diejenigen die google den internettraffic anbieten, und wer auch immer denen den traffic anbietet wird dafür bezahlt. und dafür das das internet zu mir kommt bezahle ich ja…
    es gibt also keinen guten grund warum

    wenn google als reaktion auf die forderung telekom-ips einfach ablehnt statt den quatsch zu bezahlen werden sich die sache vielleicht auch anders überlegen.

    außerdem: wenn der staat diskriminierung von daten messen kann das kann es jeder, provider die das tun sollten einfach deutlicher an den digitalen pranger und boykottiert werden bis sie pleite sind.
    aber so einen staatsnahen haufen wie die telekom wird ma dann wahrscheinlich mit unserem geld vor der marktwirtschaft “retten”, die mussten ja auch nie für den schaden zahlen den ihr monopol verursacht hat.

  • Onno sagt:

    So ein kurzsichtiger Beitrag.

    Man denke evtl. auch an kleinere Start-ups die keine großen Gewinne erwirtschaften und dennoch innovative Internetplattformen betreiben. Ich denke dort zum Beispiel an die Distribution von kostenlosen Podcasts oder einen Hobbyfilm-Verein, der seine Ergebnisse der Netz-Öffentlichkeit präsentieren möchte.

    Ein treffender Vergleich: Hat die Telekom vor zwanzig Jahren jemals verlangt, dass sie von Quelle oder Home-Shopping Sendern einen Umsatzanteil erhalten solle aufgrund der Telefonbestellung.

    Vollkommener Unsinn – nachher endet es noch so, dass ich um bestimmte Dienste benutzen zu dürfen, den Internetanbieter wechseln muss, weil sich mein ISP nicht mit dem von mir präferierten Dienst einigen kann… Telefonanbieter sind nur ein Kabel!

    Und noch ein Kommentar zum Absatz:
    “Man stelle sich vor eine große Community wie Facebook und mein kleiner Internetblog sind im selbern Rechenzentrum gehostet. Wir beiden zahlten den gleichen Preis für Traffic, wenngleich mein Traffic nur 0,000000…1 % des Gesamt-Traffics ausmacht. Wäre das nicht ungerecht?”

    Wenn dem bei deinem Webblog so ist, dann würde ich evtl. den Hoster wechseln, Facebook muss definitiv einen höheren Beitrag für seinen Anschluss ans Internet bezahlen…

  • Robert Willemelis sagt:

    @Sigfried: was Björn öffentlich erklärt is mir ehrlich gesagt Latte …. ein Paerteitagsbeschluss wäre da eher interessant, wenngleich ich auch weiß, dass meine Kritik nicht immer auf offene Arme stoßen wird, weil viele zu viel durch die orange-Piratenbrille schaun :-P :-D

  • Siegfried Schlosser sagt:

    bei der SPD? Juchhuu !!! :-)

  • Robert Willemelis sagt:

    über Verblendung kann man sich immer freuen^^

  • Der netzpolitische Sprecher der SPD, Björn Böhning hat heute eine Presseerklärung zur Netzneutralität und den Äußerungen von René Obermann abgegeben.

    Böhning schreibt: “Eine Gewichtung von Daten öffnet dem Missbrauch durch Telekommunikationsunternehmen Tür und Tor. Auch politisch wäre sie höchst zweifelhaft. Netzneutralität ist für die SPD ein wichtiges Prinzip, um die digitale Spaltung zu verhindern.”

    Die ganze Presseerklärung findet man hier:
    http://www.spd.de/de/aktuell/pressemitteilungen/2010/07/Neutralitaet-des-Netzes-verhindert-digitale-Spaltung.html?pg=1&y=2010&m=0&pmtype=0

  • Robert Willemelis sagt:

    ich respektiere Björns Meinung ;-)

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Dieser Eintrag wurde erstellt von am 22. Juli 2010 um 09:59 und gespeichert unter der Kategorie netzpolitik@vorwärts.de.

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